Vorstufen des regulären Rundfunks

Bereits lange vor der Einführung des ständigen Unterhaltungsrundfunks, die meist während der Jahre 1921 bis 1925 erfolgte, gab es einzelne Funksendungen „für Alle“ mit Rundfunkcharakter. Diese Vorläufersendungen werden hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit betrachtet.

Rundfunkbeginn
Der reguläre, ständige Rundfunk zur „Unterhaltung und Belehrung“ begann im November 1921 mit Sendungen der Station KDKA in Pittsburgh, USA. Weitere amerikanische und kanadische Stationen folgten rasch. Daraufhin verbreitete sich der Rundfunk weltweit, allerdings von Land zu Land unterschiedlich schnell. In Frankreich strahlte die Eiffelturm-Station ab Februar 1922 ein regelmäßiges Programm aus. Ein privater Pariser Sender „Radiola“ folgte im November. In der Sowjetunion begann die Moskauer Station „Komintern“ ab September 1922 mit Rundfunkbetrieb. Aber erst 1924 war es allen Bürgern erlaubt, ein Radiogerät aufzustellen. Bald dominierte dort allerdings die niederfrequente Versorgung über Leitungen. In England sendete die Londoner Station 2LO ab November 1922 ein ständiges Unterhaltungsprogramm. Spanien begann mit dem Rundfunk im September 1923, Deutschland Ende Oktober 1923 über den im Berliner VOX-Haus untergebrachten Sender „auf Welle 400“. Italien sowie Österreich kamen im Oktober 1924 und Japan im März 1925 hinzu [A; 1]. Im weiteren geht es nun um die bereits in den Jahren davor erfolgte „drahtlose Wellentelephonie“ mit Ausstrahlung von Sprache und besonders von Musik.

Technik der drahtlosen Telephonie
Um Sprache oder Musik übertragen zu können, benötigt man einen Generator für ungedämpfte Schwingungen. Sie müssen mit dem NF-Signal amplituden- (oder frequenz-) moduliert werden. Als geeigneten Generator verwendete man seit dem Beginn des letzten Jahrhunderts den Lichtbogensender. Einige Jahre später kam der Maschinensender hinzu, der aber meist dem Telegrafie-Weitverkehr diente. 1915/16 folgte der Röhrensender. Die typische Schaltung eines 1 bis 2 kW liefernden Telefoniesenders mit Poulsen-Lichtbogen zeigt Bild 1.

Bild 1: Schaltung eines Telefoniesenders von de Forest (Poulsen-Lichtbogen zwischen Kupfer- und Kohleelektroden), 1908 [7].

In der Strom-Spannungs-Kennlinie des Lichtbogens tritt ein Bereich mit entdämpfendem negativen HF-Widerstand auf. Über das eingeschleifte Mikrofon erfolgte eine Amplitudenmodulation (Frequenzmodulation war prinzipiell bekannt, wurde aber noch nicht angewendet). Solange es keine Verstärkerröhren gab, benutzte man besonders gekühlte „Starkstrom-Mikrofone“ (Bild 2).

Bild 2: Starkstrom-Kohlemikrofon mit Wasserkühlung; Herrold 1912 [8].

Diese wurden, einzeln oder parallel geschaltet, meist direkt in die ein paar Ampere HF-Strom führende Antennen- oder Erdleitung eingeschaltet [2; 3] Es hat nicht an Versuchen gefehlt, auch mit Funkenentladungen, die nur gedämpfte Schwingungen liefern, eine Telefonieübertragung zu erreichen. So experimentierte man damit, die Funkenfrequenz über den Hörbereich hinaus zu erhöhen. Ein anderer Ansatz war die Verwendung von mehreren, zeitlich versetzten Einzelentladungen, die zu einer annähernd kontinuierlichen Schwingung zusammengefügt wurden. Beides hatte nur mäßigen Erfolg [2]. Stärkere Störgeräusche blieben.
Auf der Empfängerseite dienten zunächst Elektrolytdetektoren zur Demodulation, bis ab 1906/07 der Kristalldetektor diese Funktion übernahm. Später kam die Röhre in meist rückgekoppelter Audionschaltung hinzu. Die Wiedergabe erfolgte durch Kopfhörer oder ein „lautsprechendes Telephon“. Der Hörerkreis für die sporadischen frühen Sendungen blieb zwangsläufig beschränkt. Er bestand aus Berufs- und Militär-Funkern sowie Radioamateuren. Wegen liberaler Regelungen fanden sich Amateure vorwiegend in den USA. Bereits 1910 gab es dort Zehntausende, die sich meist über ihre Funkensender in Telegrafie austauschten.


Zeitraum bis 1914: USA
Der in den USA tätige kanadische Physiker und Chemiker Reginald Fessenden hatte schon ab 1899/1900 die Absicht, Sprache zu übertragen. Seine Versuche, dies mit Funkensendern hoher Unterbrechungsfrequenz zu erreichen, waren nicht zufriedenstellend. Als guter Demodulator für AM-Signale erwies sich der von ihm anstelle des unzuverlässigen Kohärers für Telegrafie-Empfang entwickelte Elektrolyt-Detektor (liquid barreter). Dieser funktionierte ähnlich wie der von W. Schlömilch. Grundlegenden Vorschlägen von N. Tesla folgend, hatte Fessenden bereits 1901 ein Patent für einen HF-Generator angemeldet. Es handelte sich um einen schnell laufenden, kontinuierliche Schwingungen liefernden Wechselstrom-Dynamo (Maschinensender). Fessenden hoffte, seine Pläne in der von ihm mit „Wagniskapital“ gegründeten Firma NESCO verwirklichen zu können. Nach Vorgaben baute ihm die General Electric Co. für 5.000 $ einen solchen Maschinensender, ausgelegt für Frequenzen bis zu 70 kHz und eine Ausgangsleistung von 750 W (Bild 3).

Bild 3: Fessendens Laboratorium mit Maschinensender
(re. vorn), 1906 [4].

Ende 1906 konnte er mit diesem Generator eine Sprechverbindung zu einer 18 km entfernten Empfangsstation herstellen. Empfangsmeldungen kamen auch von Schiffen im Atlantik, aus Kuba und aus Panama. Erst 1915 – ausführlicher dann 1918 – gab er an, damals auch in Schottland gehört worden zu sein [6]. Eine Überraschung hatte Fessenden sich für Heiligabend und Silvester 1906 ausgedacht. Er kündigte ein paar Tage vorher an, dass er an diesen Tagen ein Konzert senden würde. Und so geschah es mit einem Geigen-Solo sowie Gesang von ihm selbst (Bild 4). Weiter gab es Musik von einem Walzen-Phonographen, und Weihnachten las er das Evangelium vor. Überrascht hörten zahlreiche Telegrafie-Funker dieser Sendung mit der weltweit wohl ersten Live-Musikübertragung zu [4; 5].

Bild 4: Fessenden und seine im Weihnachts/Neujahrskonzert benutzten Instrumente, 1908 [4].

Für Fessenden schien seine Musiksendung ein einmaliger Gag gewesen zu sein. Anders war es bei dem Amerikaner Lee de Forest, der 1907 eine Radio­telephone Company gegründet hatte. Diese Firma erhielt den Auftrag zur Installation einer größeren Anzahl von Telefonie-Anlagen auf Kriegsschiffen der U. S. Navy. Wegen ernster Probleme entfernte man die meisten Anlagen aber bald wieder. Mit dem auf dem Schlachtschiff Ohio verbliebenen Sender wurde 1908 bei Hafenaufenthalten Schallplattenmusik, auch nach Hörerwünschen, ausgestrahlt. Den Grammofon-Trichter platzierte man damals noch direkt vor dem Mikrofon. Mehrmals zwischen 1908 und 1912 ließ Lee de Forest als großer Opernliebhaber vorher in der Presse angekündigte Aufführungen aus der New Yorker Metropolitan Opera übertragen, so die „Carmen“ (Bild 5).

Bild 5: Presseberichte zur drahtlosen Übertragung der „Carmen“ durch de Forest, 1910 [7].

Es konnte passieren, dass eine außerplanmäßige Telegrafiesendung der nahen Navy-Station in Brooklyn den Kunstgenuss plötzlich störte. Seit dieser Zeit trieb der Gedanke an einen Unterhaltungsrundfunk de Forest um, mit Konzerten, Vorträgen, Sportreportagen. Nicht zuletzt ging es ihm allerdings um den Verkauf der von seiner Firma hergestellten Anlagen (Bild 6) [7].

Bild 6: De Forest am Telefoniesender (li. vorn: mechan. Plattenspieler), 1909 [7].

Im kalifornischen San José, nahe von San Francisco, leitete der Ingenieur Charles Herrold ab 1909 ein Wireless College zur Ausbildung von Funkpersonal. Mit einigen Studenten baute er einen Lichtbogen-Telefoniesender für 1,5 kW, mit dem er ab 1910 Grammofon-Musik auf Langwelle ausstrahlte (Bild 7). Von 1912 bis 1917 gab es diese Musiksendungen regelmäßig jeden Mittwochabend. Sie wurden mit der Programmfolge vorher in der Zeitung bekanntgegeben und hatten eine große begeistere Hörerschaft. Herrold soll den Begriff „broadcasting“ eingeführt haben. Als Farmersohn sei ihm dieses Wort geläufig gewesen, mit dem das breite Streuen der Körner bei der Getreide-Aussaat bezeichnet wurde [8].

Bild 7: Herrold und Mitarbeiter im Senderraum. (Mitte vorn: Plattenspieler; li. oben: konischer HF-Transformator), 1913 [8].

Reginald Aubrey Fessenden

*6. Oktober 1866 in East Bolton;
† 22. Juli 1932 in Bermuda

Lee De Forest

*26. August 1873 in Council Bluffs;
† 30. Juni 1961 in Hollywood

Charles David Herrold
1875 – 1948


Bis 1914: Europa
Dem Dänen V. Poulsen gelang 1902 die Erzeugung ungedämpfter HF-Schwingungen mit einem Lichtbogensender. Die maximale Entfernung für seine Sprechverbindungen war bis 1907 auf 270 km gewachsen. In Deutschland entwickelte die C. Lorenz AG den Poulsen-Sender ab 1906 weiter und konnte das Militär für diese drahtlose Telefonie interessieren. Durch Lorenz aufgeschreckt, begann die Telefunken-Gesellschaft Ende 1906, sich ebenfalls auf dem Telefonie-Gebiet zu betätigen. Allerdings hielt Chefingenieur Graf Arco nicht viel von der „drahtlosen Telephonie-Spielerei“. Um sich vom Poulsen-Patent abzugrenzen, war dort von Carl Schapira ein Sender mit Serien-Bogenlampe entwickelt worden, die kein Magnetfeld benötigte (Bild 8). Anfang 1907 ließ sich mit dieser Anlage schon die Strecke Berlin – Dresden überbrücken. Bei den Versuchen übertrug man oft Schallplattenmusik. Musik ließ sich an der Empfangsstelle noch wahrnehmen, wenn Sprache schon nicht mehr verständlich war. Professor Slaby führte 1907 dem Kaiser-Paar die drahtlose Telefunken-Telefonie vor, wobei Graf Arco sich an der Gegenstation befand. Nach erfolgreicher Sprachverbindung spielten die Telefunken-Leute eine Caruso-Platte ab. Da äußerte die Kaiserin erstaunt, sie habe gar nicht gewusst, dass Graf Arco so gut singen könne [9].

Bild 8: Telefoniesender der Telefunken-Gesellschaft (12 Lichtbögen in Reihe), 1906 [2].

Telefunken-Direktor Hans Bredow fuhr im Januar 1913 in die USA, um die Fortschritte beim Bau der Station Sayville bei New York zu kontrollieren, die dort von der amerikanischen Tochtergesellschaft errichtet wurde. Im Gepäck führte Bredow einen der neuen kleinen Joly-Arco-Maschinensender (6 kW) mit. Bei seiner Ankunft ließ er Behörden und Presse wissen, er sei gekommen, um funktelefonische Versuche durchzuführen. Er lud Pressevertreter in ein Hotel in Manhattan ein und führte ihnen am 22. Februar 1913 Schallplattenmusik und eine Ansprache vor. Die Sendungen kamen vom neu eingebauten Maschinensender in Sayville. Am nächsten Tag berichteten die Zeitungen begeistert darüber. Bredow schrieb später, er hätte die „Rundfunk“-Übertragungen nur vorgenommen, um die Konkurrenz (Marconi!) zu täuschen. Tatsächlich setzte er dort den weiteren Ausbau der Station Sayville in Gang, um eine jederzeit sichere funktelegrafische Verbindung zwischen Nauen und den USA zu gewährleisten. Im Sommer 1914 war dies erreicht [9].
1910 hatte der belgische König Albert I. der Soc. Indép. Belge de TSF (SIB) den Auftrag erteilt, auf dem Gelände seines Schlosses Laeken bei Brüssel eine starke Station für Funktelegrafie zu errichten. Sie sollte vor allem der Verbindung mit Belgisch-Kongo dienen. In Laeken entstand 1913 auch ein Lichtbogen-Telefoniesender mit rotierenden Elektroden, der auf 166 kHz etwa 2 kW Leistung lieferte (Bild 9). Mit ihm wurde am 28. März 1914 ein erstes, der Königin Elisabeth gewidmetes Konzert ausgestrahlt. Es bestand aus Schallplattenmusik, im wesentlichen aber aus live gesendeten Gesangs-, Instrumental- und Orchester-Stücken. Es war wohl die erste europäische Live-Musiksendung. Des Erfolges wegen schlossen sich weitere, samstägliche Funkkonzerte an, die auch in Nordfrankreich gehört wurden. Die technikbegeisterte Königsfamilie – sogar die Königin hatte den Morse-Code erlernt – lauschte den Konzerten mit Kopfhörern vor einem Kristalldetektor-Gerät. Als sich nach Kriegsausbruch im August 1914 deutsche Truppen Brüssel näherten, ließ der König die Großstation sprengen. Der Telefoniesender wurde von der belgischen Armee demontiert und bei ihr weiter genutzt [2; 10].

Bild 9: Am Telefoniesender in Laeken, 1914 [(2].

Georg Wilhelm Alexander Hans Graf von Arco

*30. August 1869 in Großgorschütz;
† 5. Mai 1940 in Berlin

Adolf Karl Heinrich Slaby

*18. April 1849 in Berlin;
† 6. April 1913 in Berlin

Hans Carl August Friedrich Bredow

*26. November 1879 in Schlawe, Pommern;
† 9. Januar 1959 in Wiesbaden


Nach 1914: USA

In Europa war es den Radioamateuren – soweit man sie überhaupt geduldet hatte – seit Kriegsbeginn untersagt, sich zu betätigen. Wegen den militärischen Anforderungen entwickelte sich die Funktechnik überall sehr schnell. Die einschlägige Industrie boomte. In den USA nahmen auch die Amateure an den technischen Fortschritten teil. Ch. Herrold in Kalifornien führte seine Musiksendungen bis zum Kriegseintritt der USA im April 1917 fort und nahm sie nach Kriegsende ab 1919 wieder auf. 1921 erhielt er die Lizenz zum Betreiben eines offiziellen Rundfunksenders in San José, CA [8].

Bild 10: De Forest am Telefoniesender mit Oscillionröhre, 1916 [7]

Die amerikanische Western Electric Co. entwickelte seit 1914 stets besser werdende Trioden. Im Sommer 1915 baute die Firma in der Navy-Station Arlington/Virginia einen starken Telefoniesender auf. Er enthielt im Endverstärker 550 Exemplare der neuen Röhre 204 B zu je 20 W, um so auf eine Ausgangsleistung von einigen kW zu kommen. Beim Testen der Reichweite wollte man auch versuchen, die etwa 6 000 km entfernte Pariser Eiffelturm-Station zu erreichen (Bild 11). Mitte Oktober 1915 gelang dies auf Langwelle (60 kHz) mehrmals gegen fünf Uhr morgens. Den Sprecher in Arlington konnte man gut verstehen. Die beiden amerikanischen, mit der Empfangsapparatur nach Paris geschickten Ingenieure waren sehr befriedigt. Sie fühlten sich dort aber etwas unwohl. Die sonst so interessante Stadt lag im Bereich deutscher Ferngeschütze und wurde immer wieder von Zeppelinen und Flugzeugen bombardiert. Taxis waren nicht zu bekommen, weil sie frische Truppen zur Front bringen mussten [11]. Besonders in den USA feierte man dies als erste (Einweg-)Funktelefonie über den Atlantik. Für Überraschung sorgte Fessenden, als dieser noch 1915 und ausführlicher dann 1918 von der ihm bereits 1906 gelungenen Sprachübertragung nach Schottland berichtete.

Bild 11: Großstation Paris-Eiffelturm,
1908 – 1925 [14]. [14].

De Forest nahm nach einer mehrjährigen, hauptsächlich an der Westküste verbrachten Pause 1916 in New York seine Sendungen „für Alle“ wieder auf. Er verwendete dafür einen Röhrensender, den er mit Oscillions genannten Leistungstrioden eigener Herstellung bestückte (Bild 10). Täglich verbreitete er Musik von Columbia-Schallplatten, hin und wieder auch Live-Darbietungen mit Nachrichten und Sport­ergebnissen. Zudem gab es Werbespots in eigener Sache (Verkauf seiner Röhren und Geräte). Große Aufmerksamkeit erzielte im November 1916 die sofortige Ausstrahlung von Ergebnissen der Präsidentschaftswahl. Nach Unterbrechung durch den Krieg konnte er die Sendungen in New York Ende 1919 wieder aufnehmen. Aber schon Anfang 1920 wurde seine Station wegen Störung anderer Dienste behördlich geschlossen. De Forest begab sich daraufhin nach San Francisco, wo er bis Ende 1921 ein tägliches Unterhaltungsprogramm ausstrahlte [7].
Im Herbst 1916 legte David Sarnoff, Chefinspektor der American Marconi Co., seiner Firmenleitung einen detailliert ausgearbeiteten Plan vor. Es ging um die Fertigung einer „Radio Music Box“, eines neuen Haushaltsgerätes. Dabei setzte er die Errichtung von Telefoniesendern voraus, die ein Unterhaltungsprogramm ausstrahlen. Für das kompakte Empfangsgerät, das mit einem lautsprechenden Telephon nicht von Kopfhörern abhängig sein sollte, veranschlagte Sarnoff einen Verkaufspreis von 75 $. Bei den in den USA vorhandenen 15 Millionen Haushalten schätzte er den möglichen Verkaufsumfang auf eine Million Stück in den ersten drei Jahren. Seine Firma reagierte aber nicht auf diesen Plan. Sie hatte wichtigere Aufgaben zu lösen, denn die USA standen kurz vor dem Kriegseintritt. Erst 1920 konnte Sarnoff auf sein Projekt zurückkommen [D].
Frank Conrad, ein nahe Pittsburgh/PA wohnender Westinghouse-Ingenieur, war begeisterter Radioamateur. Als Amateure sich nach Kriegsende wieder betätigen durften, baute er einen Röhren-Telefoniesender. Er hatte sich Senderöhren beschaffen können (wohl aus seiner Firma), die generell noch nicht auf dem Markt waren. Ab Anfang 1920 strahlte Conrad von seinem Wohnhaus am Wochenende regelmäßig Platten- und Solisten-Livemusik aus. Ein lokales Warenhaus nahm dies zum Anlass, in Zeitungsanzeigen die Conrad-Sendungen anzukündigen und einen für 10 $ lieferbaren Detektor-Empfänger zu empfehlen. Auch Conrad erwähnte diese Bezugsquelle am Mikrofon. Die Westinghouse-Leitung wurde durch die Zeitung auf Conrads Aktivitäten aufmerksam und überlegte, ob sich da ein neues Geschäftsfeld mit dem Heim-Radio als Massenprodukt auftue. Die militärischen Aufträge waren zurückgegangen und der Versuch der Firma, in den Funk-Weitverkehr einzusteigen, war missglückt. Um eine Empfänger-Nachfrage hervorzurufen, mussten aber zunächst entsprechende Sendungen ausgestrahlt werden. So errichtete Westinghouse auf dem Werksgelände in Pittsburgh einen stärkeren, auf 455 kHz arbeitenden Unterhaltungssender. Für ihn wurde eine spezielle Lizenz eingeholt (Rufzeichen KDKA). Bis dahin hatten die Musik ausstrahlenden Amateure und Firmen sich in einem Graubereich der Legalität bewegt. Die Westinghouse Electric Co. begann die Sendungen Anfang November 1920 mit Berichten von der neuerlichen Präsidentschaftswahl. Danach gab es im ganzen Land bei der Errichtung von Rundfunkstationen kein Halten mehr [7; D].
David Sarnoff, der Befürworter der Radio Music Box von 1916, fühlte sich von Westinghouse überspielt. Er war inzwischen Managing Director bei der Radio Corp. of America und konnte dort Mitte 1920 Geld zur Entwicklung seiner Idee eines nun „Radiola“ genannten Heim-Empfängers lockermachen. Das Verhältnis zu Westinghouse änderte sich völlig, als Mitte 1921 auch diese Firma dem RCA-Konsortium beitrat und nun begann, verschiedene Radiotypen für die RCA zu fertigen (Radiola’s, Aeriola’s etc.) [D].

David Sarnoff

*27. Februar 1881 in Uzlian (Russland);
† 12. Dezember 1971

Frank Conrad

*4. Mai 1874 in Pittsburgh;
† 11. Dezember 1941 in Miami


Nach 1914: Europa
Bei Kriegsausbruch hatte Telefunken-Direktor Hans Bredow sich freiwillig zur Truppe gemeldet. Im Sommer 1917 testete er an der Westfront die Feldtauglichkeit der neuen „ungedämpften Kleinstationen“ mit 5-W-Röhrensendern und zunächst Kristalldetektor-Empfängern (Bild 12).

Bild 12: Bredow (vornüber gebeugt) bei Experimenten mit Röhrengeräten, Westfront 1917 [DRM]

Deren wesentlicher Vorteil war, dass sie im Gegensatz zu den Funkenstationen nur einen schmalen Frequenzbereich beanspruchten. Durch Einschleifen eines Mikrofons konnte auch Telefonie gesendet werden. Bei den Reichweitenversuchen war es üblich, als Versuchstext den täglichen Heeresbericht in das Mikrofon zu sprechen. Zur Abwechslung sagte Bredow Gedichte auf und ließ Akkordeon- und Geigensoli spielen. Das stieß bei den militärischen Hörern auf ungläubige, freudige Verwunderung. Bald wurde dieser „Unterhaltungsfunk“ aber von der obersten Heeresleitung verboten [9].
In der britischen Armee baute der Funkexperte Captain H. Donisthorpe 1917 im Army Wireless Training Centre in Worcester einen kleinen Telefonie-Röhrensender auf. Mit ihm strahlte er zur Unterhaltung des Militärpersonals hin und wieder Grammofon-Musik aus [12].
In den Niederlanden sendete der Ingenieur Hans Steringa Idzerda aus seinem Privathaus in Den Haag ab November 1919 während einiger Jahre regelmäßig Schallplattenkonzerte. Er benutzte Frequenzen zwischen der heutigen Mittel- und Langwelle (Bild 13).

Bild 13: Telefoniesender von Idzerda, 1919 [13].

Diese Musikdarbietungen waren beliebt, auch jenseits des Kanals. Sie wurden in einer Den Haager Zeitung sowie in der englischen Daily Mail angekündigt. Idzerda ging es mit den Sendungen hauptsächlich darum, den Verkauf der in seiner Fabrik hergestellten Detektor- und Röhrenempfänger anzukurbeln [13].
In Frankreich übertrug die Soc. Française Radioélectrique am 26. November 1921 live die Arien einer bekannten Sopranistin – als „elektrische Äther-Fee“ angekündigt – mit einem Röhren-Versuchssender von 1 kW in Sainte-Assise, südöstlich von Paris (Bild 14).

Bild 14: Opernstar Yvonne Brothier am Telefoniesender Sainte-Assise, 1921 [14].

Dieses Konzert war als Demonstration der neuen Möglichkeiten anlässlich der 100-jährigen Wiederkehr von Ampères Entdeckung des Grundgesetzes der Elektrodynamik gedacht. Es wurde selbst im Ausland gehört. Frühzeitig war die große Pariser Militärstation Eiffelturm an Experimenten beteiligt. Bereits ab 1919 wurden hin und wieder Versuchssendungen mit Musik vorgenommen. Am 16. Februar 1922 begannen regelmäßige Sendungen auf 113 kHz mit zunächst einem, bald sechs Kilowatt. Es waren Wettermeldungen, Börsenkurse, auch allgemeine Nachrichten und schließlich die beliebten Radio-Concerts. Besonders deren Hörer waren befriedigt, als Paris-Eiffelturm zum offiziellen, weitreichenden französischen Langwellensender wurde [14].
In England ließ der Chefingenieur von Marconi, H. J. Round, im Werk Chelmsford – nicht weit von London – einen Röhren-Telefoniesender bauen (Bild 15). Dieser ging Anfang 1920 mit 15 kW Eingangsleistung auf 107 kHz in Betrieb. Er diente Testsendungen, die auch Musik und Nachrichten enthielten. Aufsehen erregte eine Live-Sendung mit der Operndiva Nellie Melba im Juni 1920 (Bild 16). Ende 1920 wurde dem Sender aber von der Postbehörde die Lizenz entzogen, da diese nicht für Unterhaltungssendungen galt. Auch waren Störungen anderer Dienste aufgetreten. Nach vielfachem Protest durfte schließlich die Amateurvereinigung Wireless Society of London ab Januar 1922 einen Sender geringer Leistung (250 W) für eine halbe Stunde jede Woche betreiben. Captain P. P. Eckersley und andere Marconi-Leute hatten ihn in einer Baracke in Writtle, nahe Chelmsford, aufgebaut. Diese Amateur-Station, mit Rufzeichen 2 MT, übertrug so bis Anfang 1923 das erste regelmäßige, wenn auch spärliche Unterhaltungsprogramm in England. Im Mai 1922 schlossen sich dort die meisten Gerätehersteller zur British Broadcasting Company zusammen. Ab Sommer 1922 strahlte diese Gesellschaft mit einer Mittelwellenstation im Londoner Marconi-Haus ständige Rundfunksendungen aus [12].

Bild 15: Röhren-Telefoniesender von Marconi/Chelmsford, 1920 [12].

 

Bild 16: Primadonna Melba und ihr Mikrofon, Chelmsford 1920 [12].

In Österreich gab es in den Jahren 1923/24, also vor dem dortigem offiziellen Rundfunkbeginn, verschiedene Versuchssendungen mit Musik und Sprache. Sie wurden vor allem von der Telefonfabrik Czeija, Nissl & Co. über einen „Hekaphon“ genannten Sender in Wien durchgeführt. Diese Sendungen waren illegal, wurden von den Behörden aber toleriert [15].
In Berlin hatte Hans Bredow im März 1919 von der Telefunken-Gesellschaft in das Reichspostministerium gewechselt, und zwar als Ministerialdirektor mit Zuständigkeit für das Funkwesen. Im April 1921 stieg er zum Staatssekretär auf. Seit längerem schon schwebte Bredow ein Unterhaltungsfunk für jedermann vor. Um seine Ideen zu erläutern, hielt er am 16. November 1919 in der damals an der Taubenstraße ansässigen Berliner Urania einen entsprechenden Vortrag vor Vertretern aus Wissenschaft, Industrie und der Presse. Gegen Ende dieses Vortrags wurde die Übertragung von Musik und Sprache vorgeführt. Ein kleiner Röhrensender befand sich in einem Gebäude am nicht weit entfernten Schiffbauerdamm. Die Wiedergabe im Vortragssaal war aber nur leise und wurde verzerrt, als ein Techniker die Empfängerverstärkung erhöhte. Die skeptische Reaktion auf seinen Vortrag enttäuschte Bredow. Offensichtlich hatte man in Deutschland in diesen politisch und wirtschaftlich schwierigen Monaten andere Sorgen [9].
Nicht entmutigt, ließ Bredow durch seine Postbeamten in der 1919 von der Militärbehörde übernommenen Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen bei Berlin erste Versuche mit Unterhaltungssendungen durchführen (Bild 17).

Bild 17: Königs Wusterhausen – erster deutscher Rundfunksender (1920 – 1923) [16].

Geld dafür war im Etat nicht vorgesehen. Man musste etwas von den Mitteln zur Einrichtung eines Wirtschaftsrundspruchs abzweigen und auf freiwillige Arbeit setzen. Ein 5-kW-Lichtbogensender der Lorenz AG diente zunächst für Versuche mit Sprache und Schallplattenmusik auf Frequenzen um 100 kHz (Bild 18).

Bild 18: Lorenz-Lichtbogensender in Königs Wusterhausen, 1920 [16].

Am 21. Dezember 1920 konnte ein Weihnachts-Instrumentalkonzert gesendet werden, das Postmitarbeiter als Amateure bestritten. Zu Ostern, am 23. März 1921, folgte ein zweites Konzert, und am 8. Juni 1921 wurde sogar aus der Berliner Staatsoper die „Madame Butterfly“ mit Erfolg übertragen. Am 1. September 1922 gab es ein weiteres Konzert anlässlich der Eröffnung des Wirtschaftsrundspruchs. Begeisterte Zuschriften gingen immer wieder aus ganz Europa ein. Private deutsche Hörer konnten sich nicht melden, da sie sonst eine Straftat zugegeben hätten [16].
Inzwischen wurde hin und wieder auch ein Röhrensender mit einer Leistung von 2,5 kW benutzt. Ab Mai 1923 sendete man regelmäßig sehr beliebte Sonntagskonzerte (Bild 19).

Bild 19: Großes Orchester der Postbeamten; Aufnahme von 1923 [16]

Dabei kam nun ein vom Postpersonal weitgehend aus Restmaterial selbst gebauter, auf ihre speziellen Belange zugeschnittener Röhren-„Konzertsender“ mit 1,5 kW zum Einsatz (Bild 20). Er war der ganze Stolz der Postler. Eine Zeitlang hatte man die „günstige Welle 4000“ (75 kHz) benutzt, musste wegen Störungen durch die Station Eiffelturm aber ausweichen. Auch nach dem Beginn des regulären Rundfunks führte man die weitreichenden Sonntagskonzerte fort.

Bild 20: Röhren-Konzertsender mit vier parallelen Leistungstrioden, Königs Wusterhausen 1923 [16].

Es bestand eine große Nachfrage durch Deutsche im europäischen Ausland. Erst im Januar 1926 wurden die Post-Konzerte beendet, als der Langwellen-Deutschlandsender in Betrieb ging [16].

Hans Henricus Schotanus à Steringa Idzerda

*26. September 1885 in Weidum;

† November 1944 in Den Haag

Captain Henry Joseph Round

*2 Juni 1881, Kingswinford, Staffordshire, England;

† 17 August 1966, Bognor Regis

Peter Pendleton Eckersley

*6. Januar 1982 in Puebla, Mexico;
† 18. März 1963 in Hammersmith


Quellen

Allgemein:
[A] E. Erb: Radios von Gestern. Luzern 1997.
[B] H. G. J. Aitken: The Continuous Wave, 1900 – 1932. Prineton/NJ 1985.
[C] http://earlyradiohistory.us
[D] T. Lewis: Empire of the Air – The Men who made Radio. New York 1991.

Speziell:
[1] Wikipedia und andere Internet-Quellen; I. P. Sherebzow: Rundfunktechnik. Leipzig 1954.
[2] A. N. Goldsmith: Radio Telephony. New York 1918.
[3] R. Grabau: Funkentelegrafie und –telefonie mit ungedämpften Schwingungen. FunkGeschichte Nr. 168 (2006), S. 177 – 185.
[4] W. S. Marceil: The First Radio Broadcast – Christmas 1906. Radio Bygones. No. 20 (Dez. 1992), S. 4 – 7.
[5] D. Halper, C. Sterling: Fessenden’s Christmas Eve Broadcast: Reconsidering a Historical Event. The AWA Review 19 (2006), S. 119 – 138.
[6] R. Fessenden in Scientific American, 07.09.1918, S. 189. Reproduziert in [C].
[7] M. Adams: The Race for Radiotelephone. The AWA Review 10 (1996), S. 78 – 149.
[8] G. B. Greb, M. Adams: Charles Herrold, Inventor of Broadcasting. Jefferson/GA 2003.
[9] H. Bredow: Im Banne der Ätherwellen, Band 2. Stuttgart 1956.
[10] Histoire de la Radiotéléphonie en Belgique; www.radiopassion.be
[11] D. J. Vermeulen: The Beginnings of Vacuum Tube Radio at Western Electric. The AWA Reviev 11 (1998), S. 104 – 149.
[12] B. A. Hennesy: The Emergence of Broadcasting in Britain. Southerley/UK 2005.
[13] P. A. de Boer: Steringa Idzerda – De pionier van de radio-omroep. Bussum/NL 1969.
[14] C. Brochand: Histoire générale de la radio et la télévision en France. Paris 1994.
[15] V. Ergert: 50 Jahre Rundfunk in Österreich, Band 1. Salzburg 1974.
[16] T. Gerlach: Wie Königs Wusterhausen zum ersten deutschen Rundfunksender wurde. Rundfunk-Jahrbuch 1930 der RRG, S. 27 – 41.

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